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Albumbesprechung Copernicus - Victim Of The Sky

Interpret: Copernicus

Titel: Victim Of The Sky

Erscheinungsjahr: 1987

Genre: Avantgarde, musikalische Lesung

Bewertung: Wertung: 7 von 10 Sternen
(7/10 - Rezensionen: 1)

 

Rezension/Review

Victim Of The Sky ist das zweite Album des US-Amerikaners Copernicus. Das Album erschien, wenn man dem Infoblatt von Moonjune Glauben schenken darf, erstmals im Jahr 1987 auf Vinyl (an anderen Stellen wird 1986 als Releasejahr genannt). Nun gibt es von Nevermore bzw. über Moonjune ein Remaster auf CD. Dazu gibt es ein Booklet mit Liner-Notes von Martin Longley und außerdem die kompletten Texte.

Copernicus, dahinter verbirgt sich Joseph Smalkowski. Smalkowski lehnt die Bezeichnung Musiker ziemlich vehement ab, er sieht sich als Poet und Philosoph. Was er aufnimmt, könnte man als Spontanlesungen bezeichnen - eine genaue Bezeichnung ist äußerst schwierig. Das gilt auch für dieses frühe Album des Performance Künstlers. Er agiert als eine Art Stand-Up Poet, nicht selten wird das Material im Studio improvisiert. Das ist bemerkenswert - so entstehen Musik und Texte sozusagen im Stegreif.

Der Großteil dieses Albums wurde dann auch Live am 13. Mai 1985 in New York mit folgenden Künstlern/Musikern eingespielt

  • Copernicus: Vocals
  • Pierce Turner: Keyboards, Musical Director
  • Larry Kirwan: Guitar, Keyboards, Vocals
  • Thomas Hamlin: Drums
  • Jeffrey Richards: Flute, Keyboards, Effects
  • Chris Katris: Guitar
  • Steve Menasche: Marimba, Percussion
  • Fred Parcells: Affected Trombone
  • Jimmy Zhivago: Guitar, Piano
  • Fred Chalenor: Bass Guitar
  • Paddy Higgins: Bodhran, Floor Toms
  • Matty Fillou: Saxophone
  • Marvin Wright: Guitar, Piano, Drum Machine
  • Andy Heermans: Bass
  • Roseann Horn, Fionnghuala, J.C. Rose, Jim O'leary: Vocals

Der Song From Bacteria stammt von einer älteren Recordingsession im Mai 1984, Not Him Again! und Victim Of The Sky wurden im Juli 1985 von Copernicus, Matty Fillou und Marvin Wright in einem Studio eingespielt.

Copernicus pflegt, wie erwähnt, in der Regel eine Art Sprechgesang - meist spricht er, manchmal ähnelt es einer Art Gesang und nicht selten steigert er sich in hysterisches Schreien. Dazu lässt er Musiker nach ihrem Gutdünken einen musikalischen Teppich legen. Das ist gewagt, aber es funktioniert bei Copernicus doch erstaunlich gut. Aber diese Beschreibung macht auch klar: Copernicus Produkte sind alles andere als Massenware, auch textlich geht Copernicus gerne mal deftig zur Sache.

Die Songs:

  • Auf dem kurzen Intro "Lies" spricht Copernicus einen vorgefertigten Text über die Lügen der Welt, die Band improvisiert dazu vornehmlich mit rhythmischen Elementen.
  • "The Wanderer" arbeitet mit Musik und Text, die vor den Aufnahmen festgelegt waren. Das merkt man - der Song wirkt klarer strukturiert. Copernicus' Stil erinnert über die Akustikgitarrenbegleitung an frühe Countrysänger.
  • "Victim of the Sky" ist ein komplett improvisierter Titel - Text und Musik entstanden spontan während der Aufnahme. Die Basis bildet ein synthetischer Groove, dazu Jazz-Funky Musik und ein variabler Copernicus - der zum Schluss wild im Stereopanorama mit seiner Botschaft endet - oh so za zapata - zu zu zu zu…
  • "White from Black" liefert improvisierte Musik zu einem vor den Aufnahmen geschriebenen Text. Die Musik tendiert zwischen Electronica und psychedelischen bis jazzigen Sounds - darüber zementiert Copernicus seine Theorie - there was once a time when all humans were black!
  • "Not Him Again!" ist ein weiterer komplett improvisierter Song - laut, lärmend, verrückt - Avantgarde. Schwer zu fassen und für empfindliche Gemüter wahrscheinlich zu viel des Guten.
  • "Desperate" ist ein Song von Larry Kirwan, der vor der Aufnahme schon fertig war. Kirwan singt den coolen Song selbst ein, musikalisch erinnert das an die Reggae-Sounds der Post-Punkphase.
  • "In Terms of Money" klingt groovig und etwas jazzig, mit den Backgroundvocals und dem Klatschen erhält der Song sogar eine gewisse Gospelnote. Interessant wirkt der musikalische Schluss, der mich an die frühen Roxy Music erinnert. Copernicus gibt sich inhaltlich vergleichsweise ruhig - vor allem mit einer Botschaft: lass' mich mein Leben nicht am Geld messen. Eine durchaus zeitgemäße politische Botschaft, möchte man meinen.
  • "From Bacteria" ist, ähnlich Not Him Again, ein herausfordernder Song, der sehr avantgardistisch wirkt. Die interessanten Soundcluster passen gut zur verstörenden Botschaft - Bakterien dominierten einst die Erde und es gab kein menschliches Leben. Ohne Bakterien gäbe es kein Leben - auch Copernicus (er), Gorbatschow oder Springsteen et al hätte es ohne sie nicht gegeben.
  • "The Lament of Joe Apples" greift auf einen vorgefertigten Text zurück, Copernicus bestreitet diesen Song nahezu komplett als Solokünstler. Mit einer Laufzeit von fast 10 Minuten ist es der längste Song und gleichzeitig der musikalisch subtilst unterlegte Song. Inhaltlich geht Copernicus immer wieder an die Grenzen - der Text wäre 20 Jahre früher zensiert worden.
  • "Victim Reprise" ist ein Reprise des Openers, wieder ein kurzer und sphärischer Song.

Fazit Victim of the Sky ist eines der schwergewichtigen Werke von Copernicus. Dessen musikalisch unterlegter Vortragsstil mit den vielen improvisierten Parts ist ungewöhnlich. Die textlichen Botschaften sind tiefgründig und manchmal grenzwertig. Copernicus sieht seine Arbeiten als Entwicklung seines Verstandes zur absoluten Wahrheit. Den Hörer will er dahin mitnehmen. Auf Lies etwa bezeichnet er das moderne Leben als eine einzige Lüge. Er selbst hat sich von den Lies befreit. Copernicus sieht sich als isoliertes Wesen, ein Victim Of The Sky. Copernicus warnt jeden davor, ein Victim Of The Sky zu werden - als Opfer des Makrokosmos spielt nämlich der Mikrokosmos Volleyball mit dir! Das ist harte Kost. Abgesehen von wenigen vergleichsweise eingängigen Songs wie The Wanderer und vor allem Desperate hat man es größtenteils mit avantgardistischen Werken zu tun. Copernicus' Herangehensweise an die Musik finde ich ungewöhnlich und interessant. Aber - wie ich es schon an anderer Stelle geschrieben hatte - mehr als ein Album von Copernicus könnte ich mir nicht am Stück anhören. Es ist einfach zu anstrengend und durchaus verstörend. Aber über die Länge eines Albums kann der Mann den aufgeschlossenen Hörer jederzeit unterhalten.

Trackliste

  1. Lies! (1:10)
  2. The Wanderer (3:31)
  3. Victim Of The Sky (4:12)
  4. White From Black (5:02)
  5. Not Him Again! (3:02)
  6. Desperate (4:26)
  7. In Terms Of Money (5:10)
  8. From Bacteria (3:30)
  9. The Lament Of Joe Apples (9:42)
  10. Victim Reprise (1:10)

Rezensent: MP.