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Review PJ Harvey - Let England Shake

Interpret: PJ Harvey

Titel: Let England Shake

Erscheinungsjahr: 2011

Genre: Art-Pop, Singer Songwriter, Indie, Folk

Bewertung: Wertung: 8 von 10 Sternen

(8/10 - Rezensionen: 1)

 

Rezension/Review

Let England Shake ist das achte Studioalbum von PJ Harvey. Das Album erschien im Jahr 2011 und wurde von vielen Fachblättern zu einem der wichtigsten Alben des Jahres gekürt. Erfolgreich war es in jedem Fall. Harvey schaffte es in alle wichtigen Charts, Gold gab es z. B. im UK und in Dänemark. Für das Album gab es den Mercury Price, die Ivor Novello Awards und den Uncut Music Award. Auch von Kritikern gab es in der Regel Höchstbewertungen für das Album.

Höchstbewertungen kennt PJ Harvey, ebenso aber auch mal Verrisse. Sie ist eine durch und durch außergewöhnliche Künstlerin, die das macht, was ihr passt. Das wiederum passt Kritikern nicht immer. Als Ziel formulierte sie einmal, sich nie zu wiederholen. Auf diesem Weg streift PJ alle möglichen Stile von Alternative Rock über Pop und Electronica bis hin zum guten alten Folk. So wie sie sich musikalisch gerne verändert, ändert sie auch ihr Aussehen oft und gerne. Deshalb wird sie auch mit der Kunstfigur Ziggy Stardust aka David Bowie verglichen.

Ihre musikalischen Wurzeln überraschen aber, Bowie etwa spielt da keine besonders große Rolle. In ihrer Kindheit wurde sie nach eigener Aussage eher von klassischen Bluesern wie John Lee Hooker, Howlin' Wolf, Robert Johnson, Jimi Hendrix oder Captain Beefheart beeinflusst. Im jugendlichen Alter wurde sie von der Synthpop Szene Englands mitgerissen (Duran Duran, Soft Cell …), später kamen Indie Einflüsse (Pixies, Television, Patti Smith) dazu. Auf der Suche nach neuen Ufern befasste sich PJ auch mit russischer Folklore, dem Italo-Western Komponisten Morricone und klassischen Komponisten.

Wie so oft hat sich PJ auch für Let England Shake etwas einfallen lassen. Harvey lernte das Spiel auf der Autoharp und brachte das Instrument genauso wie das Saxofon auf diesem Album erstmals ein. Außerdem schrieb sie Songs, welche eine gewisse Umstellung ihres Gesangsstils erforderlich machten. Harvey klang zerbrechlicher und sie nimmt oft die Rolle einer Erzählerin ihre eigenen Geschichten ein. Der Aufnahmeort wurde sorgsam gewählt Harvey wählte eine ehemalige Kirche in Eype, Dorset. Dort nahm sie das meiste Material mit John Parish und Mick Harvey auf. Die Drumparts von Butty wurden später eingefügt.

Harvey gibt sich auf dem Album zudem sehr politisch. Sie setzt sich kritisch mit ihrer Heimat auseinander und thematisiert wiederholt den Krieg. Harvey zog es dazu bis nach Gallipoli, um dort ein Schlachtfeld zu besuchen, auf welchem 30.000 englische Soldaten starben.

Ihre Geschichten verpackt Harvey spannend und geschickt. Der Titelsong etwa nutzt als Basis die Melodie von "Istanbul (Not Constantinople)". Dennoch erinnert das musikalisch auch sehr stark an Tom Verlaine. "The Last Living Rose" klingt angenehm verschroben, der Song könnte aber auch von einer Singer Songwriterinnen der späten 1960er stammen.

"The Glorious Land" wird zu Klängen der Nordstaatenfanfare eingeleitet, außerdem nutzt Harvey Elemente des alten Police Songs "The Bed's Too Big Without You". "The Words That Maketh Murder" verströmt Schlachtfeldfeeling zu einer wavigen Version des alten "Summertime Blues" (mit dem repetitiven "What if I Take my Problem To The United Nations"). Ein eindringlicher Song, der mich wieder etwas an Tom Verlaine erinnert.

"All And Everyone" klingt melancholisch, vor allem mit Einsetzen der Brass-Sounds kommt ein gewisses Leichenzug-Feeling auf. Interessant wirkt der Part im Anschluss, der eine Nähe zu Patti Smith aufbaut. "On Battleship Hill" klingt zu Beginn leichtgewichtig nach Country. Mit Einsetzen des Duo-Gesangs könnte man fast meinen, Harvey singt im Duett mit ihrem ehemaligen Gefährten Cave. Hier bekommt der Song dann auch eine gute Portion Weltschmerz, der einen schönen Gegenpol zum ansonsten leichtfüßigen Sound bildet.

Mit dem Song "England" nähert sich PJ ein Stück weit der guten Björk, nicht nur wegen des Einsatzes eines Samples(hier "Kassem Miro"). Der Song wirkt dementsprechend auch etwas sperrig. Einen leichteren Zugang gibt es zu den Songs "In The Dark Places" und "Bitter Branches". Beide fallen m. E. aber auch leicht ab.

Als durchaus eingängig könnte man "Hanging In The Wire" bezeichnen. Vom Mainstream unterscheidet sich der Song aber z. B. durch die Vokalharmonien, welche man in der psychedelischen Folkphase der späten 1960er häufig hören konnte. Ein weiterer Song mit Samples ist "Written On The Forehead", hier sind es Samples des Songs "Blood and Fire". Insgesamt erinnert mich PJ hier an U2. Wenn man die teilweise schweren Texte und die melancholischen Momente zugrunde legt, dann bildet "The Colour Of The Earth" einen versöhnlichen Abschluss mit seinen relativ simplen kinderliedähnlichen Motiven. Den Song singt Harvey zusammen mit Butty ein.

Fazit Harvey besingt ihre oft kritischen Texte mit einer vergleichsweise zerbrechlichen Stimme über relativ monotone Arrangements. Monoton bedeutet hier aber nicht langweilig, an interessanten Ideen und gar komplexen Momenten fehlt es dem Album nicht gerade. Das erinnert mich an Patti Smith und vor allem Tom Verlaine. Tom Verlaine konnte zu monotonen Arrangements inhaltlich ungemein eindrücklich agieren (etwa auf Words Form The Front). Anders als Verlaine überdeckt Harvey Wut jedoch mit vergleichsweise versöhnlichen Arrangements. Das erzeugt eine einzigartige Reibung aus Simplizität und Komplexität sowie subtiler und doch trefflicher Zeitkritik. Let England Shake steht daher auch zu Recht in Listings des Jahres 2011 weit oben.

 

Trackliste

  1. Let England Shake 3:09
  2. The Last Living Rose 2:21
  3. The Glorious Land 3:34
  4. The Words That Maketh Murder 3:45
  5. All and Everyone 5:39
  6. On Battleship Hill 4:07
  7. England 3:11
  8. In the Dark Places 2:59
  9. Bitter Branches 2:29
  10. Hanging in the Wire 2:42
  11. Written on the Forehead 3:39
  12. The Colour of the Earth 2:33

iTunes pre-order bonus track

  • The Guns Called Me Back Again 2:45

iTunes bonus material

  • The Nightingale 4:13
  • The Last Living Rose (video) 2:50
  • The Words That Maketh Murder (video) 4:25

Rezensent: MP